Informationen zur ehemaligen Synagoge Schweich

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in der Region zahlreiche Synagogen neu errichtet. Insbesondere der Trierer Oberrabbiner Dr. Kahn hatte in seiner Amtszeit etliche Synagogen eingeweiht, darunter auch diejenige in Schweich. Das erste jüdische Gotteshaus befand sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem Gebäude an der Ecke Bahnhofstr./Richtstr. Es handelte sich dabei vermutlich lediglich um ein Haus mit einem Betraum für das dreimal tägliche Gebet.

Aufgrund des Anwachsens der Gemeinde benötigte diese ein Gebäude auch für die Schabbat- und Feiertagsgottesdienste. 1852 wurde daher die neue Synagoge nahe der Katholischen Pfarrkirche St. Martin erbaut. Im Jahr 1886 wurde sie nochmals renoviert, am 10. November 1938 aber wurde dann die Inneneinrichtung von den Nationalsozialisten geschändet und zerstört. Noch vor einer drohenden Zwangsversteigerung konnte die Synagoge mitsamt dem Schulgebäude an einen Landwirt verkauft werden.
Während des Krieges diente sie als Lager für französische (später auch russische und serbische, nach dem Krieg kurzzeitig für deutsche) Kriegsgefangene, nach der Rückerstattung an die Jüdische Kultusgemeinde Trier und dem erneuten Verkauf 1951 an die Raiffeisenbank als Warenlager. Seit 1989 wird das frühere Zentrum der Schweicher jüdischen Gemeinde als Kultur- und Erinnerungsort genutzt. Am 24. Januar 2010 wurde darin im Beisein von der Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, die Dauerausstellung eröffnet.
In den durch Überdachungsbauten neu entstandenen Gebäudekomplex ist auch die ehemalige jüdische Schule mit einbezogen. Sie befinden sich momentan in genau diesem Zwischenbereich. Durch die Glasfront können Sie die Frontseite des ehemaligen Synagogengebäudes mit dem Eingangsportal sehen – alles in neoromanischem Stil ausgeführt. Von jüdischen Architekten wurde damals intensiv darüber nachgedacht, ob die Synagogen im maurischen oder neoromanischen Stil erbaut werden sollten. Die Tatsache, dass hier der neoromanischen – und damit der einheimischen – Architektur der Vorzug gegeben wurde, bezeugt die Inklusionsbereitschaft der Schweicher Juden.


Nach dem Eintreten durch das Portal befinden Sie sich in einem kleinen Vorraum, von dem links der Aufgang zur Frauenempore abzweigt, wie es damals in traditionell-religiösen Gemeinden üblich war. Die Frauen durften nicht mit den Männern zusammen im gleichen Raum sitzen, um diese nicht von der Ernsthaftigkeit des Gebets abzulenken. Auf der Empore können Sie sich heutzutage die Dauerausstellung „Jüdisches Leben in und um Schweich“ ansehen.


Wenn Sie dann den ausgesprochen schön renovierten Betraum betreten, sehen Sie im rechten Türrahmen, etwa auf Augenhöhe, eine kleine Schatulle, die schon einen wichtigen Teil des jüdischen Glaubens beinhaltet, nämlich das wichtigste Gebet neben dem Kaddisch, dem Totengebet, das sogenannte „Schma Israel!“ — Höre Israel, ich bin der Herr dein Gott, der einzige Gott. (Dtn 6,4) Es ist auf Pergament handgeschrieben und an jeder Tür in einem jüdischen Haushalt zu sehen, außer an Keller- und Toilettentüren. Zudem muss es immer schräg hängen, damit es nicht „perfekt“ hängt, denn „perfekt“ kann nur Gott sein. Dies bezieht sich auf die Weiterführung von Deuteronomium, wo es nach dem Text des Schma Israel heißt (6,6-9 und 11,20): „Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen […]. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.“ Die beiden anderen Gebote werden erfüllt, indem die Gebetsriemen mit den Kapseln, die ebenfalls das Gebet enthalten, um Kopf und linken Oberarm (nahe dem Herzen) gebunden werden.

Wenn Ihr Blick auf die prachtvolle Decke fällt, werden Sie außer Wolken in den Ecken einen wunderbaren Sternenhimmel entdecken, der auf Abraham, den Urvater der Juden, Christen und Moslems zurückgeht. Sie alle sind also Geschwister, was man nie vergessen sollte. Frei ausgedrückt heißt es, Gott gab den Befehl durch Abraham an die Menschen, sich zu vermehren, dass die Menschheit so zahlreich werden sollte wie die Sterne unter dem Himmelszelt. Ganz am Ende des Himmels in Richtung des ehemaligen Thoraschreines über der Wandnische können Sie oben in der Wand das Oval entdecken, das den Sonnenaufgang über dem Tempelberg in Jerusalem darstellen soll.

Männer müssen mit einer Kopfbedeckung die Synagoge betreten; gewöhnlicherweise ist das eine „Kippa“, um zu gewährleisten, dass der Mensch sich nicht soweit erhöhen kann, dass er sich auf der „Höhe“ Gottes befindet. Zwischen Gott und dem Menschen gibt es einen unaufhebbaren Unterschied.
Zum Gottesdienst braucht man ein sogenanntes „Minjan“. Dies geht auf die biblische Überlieferung zu den Städten Sodom und Gomorra zurück und ist dort mit Lot und seinem Onkel Abraham verbunden. Gott – so wird erzählt – wollte die Menschen in den beiden Städten wegen ihres sündhaften, gewalttätigen Lebenswandels vernichten. Lot bat seinen Onkel Abraham, mit Gott zu sprechen, damit dieser das Inferno nicht kommen ließe. Gott versprach – so heißt es – die Städte zu verschonen, wenn Abraham in den beiden Städten mindestens zehn Gerechte fände. Doch Lot fand diese Zahl von Gerechten nicht, so dass das Inferno hereinbrach. Das Minjan stellt so die zehn Gerechten dar, die in Sodam und Gomorra nicht gefunden wurden. Eine Betgemeinde besteht demnach aus mindestens zehn „gerechten“ Menschen, die auf Gott hören. Bestimmte Gebete bedürfen eines Minjans.

Nun müssten Sie eigentlich im Gang zum Thoraschrein in der Mitte des Raumes die sogenannte „Bima“, das Vorlesepult, sehen können, was aber leider nicht der Fall ist, da diese nach der Zerstörung des Hauses in der NS-Zeit verloren gegangen ist. Sie ist aber in der Tat das Zentrum jedes Gottesdienstes. Hier wurde aus der Thora die Wochenlosung, die sogenannte „Parascha“, verlesen. Dies geschieht in Hebräisch und nicht unbedingt durch einen Rabbiner. Eine Thorarolle besteht aus einzelnen Wochenblättern und umfasst die fünf Bücher Mose. Der Sofer, der Thorarollenschreiber, schreibt ein ganzes Jahr an einer Rolle, da er sich nicht verschreiben darf. Zudem darf er keine Metallfedern benutzen, weil man aus Metall auch Waffen herstellen kann. Die Festwochen fangen mit dem jüdischen Neujahrsfest (Rosch Haschana) an, gefolgt von Yom Kippur (dem Versöhnungsfest) zehn Tage danach und dem dritten Erntedankfest (Sukkot). Der letzte der Feiertage ist Simcha Thora (der Tag der Gesetzesfreude), an dem man dankbar ist, die Thora von Gott erhalten zu haben und nach der letzten Thoraseitenlesung der Vorbeter mit den männlichen Gemeindebesuchern im Betraum tanzt. Man hört also an diesem Tag auf, die Thora zu lesen und fängt aber sogleich wieder von neuem mit dem ersten Wochenabschnitt an. Über der Bima hängt gewöhnlich das ewige Licht („Ner tamit“), sinnbildlich als Auge Gottes, das zum Wohl der Menschheit über ihr leuchtet und niemals verlöschen darf. Genauso wie die Bima ist es leider hier nicht mehr vorhanden. Vorne in der Wandnische war ehemals der Thoraschrein eingebaut, der die heiligen Thorarollen barg. Er darf nur dreimal in der Woche geöffnet werden, um eine Rolle für den Gottesdienst auszuheben: montags, donnerstags und samstags zum Schabbatfest, zusätzlich natürlich zu den jüdischen Feiertagen. Der Schrein ist immer mit einem sehr wertvoll bestickten Vorhang versehen, der symbolisch das Allerheiligste von der Gemeinde trennt. Der erste Tempel der Hebräer war das sogenannte Stiftszelt am Fuße des Berges Sinai, das ein Zeltheiligtum war, weil die Hebräer als Nomaden lebten. Über dem Thoraschrein kann man oft die beiden Gesetzestafeln sehen, die Moses nach 40 Tagen auf dem Berg Sinai von Gott bekommen haben soll. Die rechte Tafel verzeichnet die göttlichen Gebote und die linke Tafel die menschlichen. Thoraschrein und Bima bilden die beiden Pole des jüdischen Gottesdienstes, der großteils aus Gebeten und Bibellesung besteht – fast ohne religiöse zeremonielle Handlungen. Daher benötigt man auch keine ordinierte oder geweihte Person, der Rabbiner in Trier war eher ein Theologe und Religionsgesetzlehrer, der für knapp 50 Gemeinden in seinem Rabbinatsbezirk zuständig war. Die Leitung des Gottesdienstes kann jedes vollmündige Gemeindemitglied übernehmen, in Schweich war dies de facto meist Aufgabe des jüdischen Lehrers.

In den kleineren Landgemeinden waren die Schulen für den Religions- und Hebräischunterricht meist ebenfalls in den Synagogengebäuden bzw. Bethäusern untergebracht. Diese räumliche Nähe spiegelt die inhaltliche Verbindung von Gottesdienst und Unterricht wider, schließlich wurde die Synagoge nicht nur als Haus des Gebets, sondern auch als Haus des Buches/Lernens bezeichnet. Auch in Schweich befand sich die Religionsschule bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein noch im selben Gebäude wie der Betraum. 1852 wurde dann nicht nur die neue Synagoge, sondern auch ein eigenes Gebäude für den Unterricht errichtet. Im Gegensatz zur älteren Schule, die nur für den Religions- und Hebräischunterricht vorgesehen war, konnte die Schweicher Gemeinde in dem neuen Gebäude für eine längere Zeit eine jüdische Elementarschule unterhalten. Da sie jedoch diese Privatschule nebst gelegentlichen kleineren Beihilfen von kommunaler Seite und Bezirksregierungsseite aus selbst unterhalten musste, fiel die Bezahlung der Lehrer sehr niedrig aus. Um ihr Auskommen zu sichern, übernahmen die Lehrer daher neben dem Amt des Vorbeters auch mitunter das des Schächters. Die Einhaltung gewisser pädagogischer Mindeststandards war dennoch durch regelmäßige Schulprüfungen gewährleistet. Fromme Juden, auch aus den umliegenden Gemeinden versuchten, ihre Kinder ebenfalls in die Schweicher jüdische Elementarschule zu schicken.
Bei dem Schulgebäude soll sich auch eine Mikwe befunden haben, die aber heute nicht mehr erkennbar ist.


Wir hoffen, Ihnen hiermit einen kleinen Einblick in diese wunderbare Synagoge gegeben zu haben und dass Sie auch etwas aus dem religiösen Leben der damaligen Juden in Gedanken mit nach Hause nehmen zu können. Wir danken Ihnen für ihre Aufmerksamkeit und ihre Geduld.